Hey, ich dachte es wird mal wieder Zeit für einen ordentlichen Blogpost. Ich hatte in den letzten Tagen einen Draft angefertigt, aber irgendwie war der Text wirklich kacke und es war zuviel Schreibaufwand, um das ganze angemessen rüberzubringen, also muss ich euch wohl oder übel die Episoden der letzten paar Tage vorenthalten. Dafür gibt es jetzt einen strigenten, wohl strukturiert und pointierten Text über den gestrigen Tag.
Juan, Friscos argentinischer Freund, hat uns den Tag zuvor angeboten nach El Tigre zu fahren. El Tigre ist ein beliebter nahegelegener Erholungsort. Es befindet sich im Paraná Delta, ist also direkt am Wasser gelegen. Die Porteños verbringen gerne ihre Wochenenden in der Natur, um dem ewigen Treiben in der Stadt zu entgehen und Touristen machen halt ihr touristisches Ding und klappern den Ort ab, um was gesehen zu haben. (letzteres muss ich auch noch machen, soviel habe ich nämlich nicht gesehen)
Juans Familie hat ein Haus dort, also sind wir flux mit dem Auto dahingefahren. Er meinte, dass dauert 20 Minuten, aber wir brauchten glaube ich etwas über eine Stunde. Juan fährt etwa so wie Kilian, nur mehr argentinisch, also etwas chaotischer. Der Durchschnittseuropäer hätte bei dem Verkehr bestimmt 3 Stunden gebraucht, es war lächerlich, es kam einem vor als ob halb Buenos Aires am Samstagmittag die Stadt verlässt nur um Abend wieder zurückzukehren.
Dennoch hat sich die Fahrt gelohnt. Irgendwie erinnerten die Grundstück an übergroße Schrebergärten. Statt Gartenhäuschen fanden wir eine Hütte im Hausformat und anstelle von Rosenbeeten und zurechtgestutztem Buschwerk gab es einen Pool und ein Trampolin. Pedro (ein Freund von Juan) bereitete ein großartiges Asado (so nennt man das Grillen hier) zu, sodass ich in den Genuss von gegrillten Rindermandeln kommen durfte. Jedenfalls glaube ich, dass es Rindermandeln waren – jedenfalls wenn mein Spanisch mich da nicht an der Nase herumgeführt hat und ich die pantomimenhafte Instruktion richtig gedeutet habe. Maradona esse wohl nur dieses Zeug und sei deshalb so fett, meinte Juan. Es schmeckt sehr kräftig und irgendwie süß und hat eine seltsame Konsistenz; ich kann es aber nur empfehlen, man sollte es mal probiert haben. Überhaupt, das Asado war der Bringer. Wir hatten Bife de lomo und Asado (man nennt nicht nur das Grillen so, sondern auch das Fleisch an den Rippen) und es war einfach nur großartig.
Nach nur drei Wochen Stadtleben war ich dann auch wirklich ganz glücklich mal aufs Land zu kommen. Die Luft hier ist wirklich schlecht und dann ist es einfach mal ganz schön wirklich tief ein und ausatmen zu können.
Die Gartenfeier lief kam sonst sehr tranquilo daher. Wir hatten eine Gitarre und den ganzen Tag über hatte irgendwer die Gitarre in der Hand und hat Latinoklassiker geschmettert. Ok, schmettern ist das falsche Wort, da das ganze eigentlich eher eine Zupforgie ist. Was wirklich seltsam war: Alle, und ich meine wirklich alle (etwa 20 Leute), konnten Gitarre spielen. Auf die Frage, ob das normal sei, zuckten alle bloß mit den Schultern. Sehr seltsam.
Am Abend sind wir dann zurückgefahren und haben im Apartment von Carly, Frisco, David und Kevin weitergefeiert. Das ganze war eine Art Einweihungsfeier. Wie immer ist das ganze zeitlich vollkommen ausgeartet, sodass erst um kurz vor 4 jemandem aufgefallen ist, dass wir immer noch im Apartment sind. Eigentlich wollten wir spätestens um 4 in einem Klub sein, weil man danach nicht mehr reingelassen wird (gesetzlich so geregelt). Das gleiche ist gestern passiert, mit der Zeit nimmt das hier niemand so genau.
Jedenfalls konnte es Juan danach noch organisieren, das wir auf eine Art private nichtprivate Feier in Palermo gehen konnten. Ha, das klingt natürlich erstmal gut, aber was mich dann erwartete, war einfach nur Lacher. Das ganze fand auf dem Gelände von einem Sportklub/Reitverein statt und hatte unendlichen Dorfcharakter. Nichts gegen Dorpartys, ich hab 20 Jahre Povinzlertum in Enger auf dem Buckel, ich kann einiges ab – aber das war einfach zu krass. Es gab einen kleinen Raum mit Bar, wo sich aber praktisch niemand aufgehalten hat. Davor gab es ein kleines Vorzelt, wo ein vollkommen fertiger DJ Latino und Euro Trash abwechselnd runterspielte und jeden Song mit einer Glocke (!!!?!) ankündigte. Die Glocke hang über dem Mischpult. Also es war eine richtige Glocke aus Metall und so und der Kerl bimmelte alle paar Minuten wie wild an der Glocke. Ich habe sowas noch nicht gesehen, aber das war echt eine gute Sache, das sollte es auch in richtigen Clubs geben, so ne Glocke macht Stimmung, auch wenn ich die Stimmung an sich eher als guten ostwestfälischen Standard beurteilen würde – daher lasse ich mal weitere detaillierte Beschreibungen der Feier an sich – wir hatten eine gute Zeit, aber es war nix außergewöhnliches. Keine krassen Exzesse, keine Schlägerei. Ein anderes Mal schreibe ich mehr.
Um 6:30 kam dann auch die Sonne zum Vorschein und erhellte das ganze Areal. Und das war einfach das Highlight. Vollkommen surreal entdeckte ich einen alten Tischkicker der auf einer Wiese stand und zwei alte Münzautomaten auf denen man ein Metallpferd reiten konnte. Leider funktionierten die Pferdeautomaten nicht, aber es war ein schönes Bild. Leider hatte ich meine Lomo nicht dabei, das wäre echt ein tolles Foto geworden.
Danach haben wir uns an einer Straßenparilla noch für 10 Pesos (etwa 2 Euro) einen riesen Hamburguesa Completa geholt. Der Burger war einfach bestialisch – riesig, fettig, siffig, ranzig. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee das Teil zu essen (danach war mir ein wenig übel), aber er schmeckte wirklich irre gut und es war einfach genau das richtige um den Abend zu beenden.
Ich vertrete ja sowieso die These, dass der beste Teil eines guten Abends nicht die Feier selbst ist, sondern die Phase danach. Mit dem Streetfood in der Hand in einem Park in Palermo zu sitzen und den Sonnenaufgang zu genießen war definitiv ein großartiger Start in den Tag. Etwa eine halbe Stunde später lag ich schlafend in meinem Bett in Recoleta. Ich bin vor zwei Stunden aufgestanden. Jetzt ist es Vier. Das Leben hier ist gut.