Was für ein beschissener Tag bisher, es ist erst 3, aber es läuft fürchterlich! Der Morgen fing damit an, dass ich mir einen Nagelknipser bei Carrefour gekauft habe, der nicht funktioniert. Kostet nur 9 Pesos, ist aber trotzdem ärgerlich, weil man in argentinischen Supermärkten in der Regel etwa 10 Minuten anstehen muss, wenn auch nur eine Person vor einem in der Schlange steht. Das liegt zum einem daran, dass die Kassiererinnen faul und lahmarschig sind, zum anderen aber auch daran, dass etwa zwei bis drei Artikel in eine Plastiktüte gesteckt werden und der Kunde am Ende den Laden mit 10 Plastiktüten verlässt. Das passiert jedenfalls in den Märkten der großen Ketten. Wenn man zu einem kleinen Supermercado um die Ecke geht, läuft alles in der Regel etwas flotter, aber da gibt es natürlich nicht alles. Was ich lernen durfte: Ich bin hier in Südamerika – nur weil ich in einem anständigen Laden ein Produkt kaufe, heißt das noch lange nicht, dass es auch fuktioniert.
Nachdem ich in einem Cafe in Palermo gefrühstückt habe und ein paar Sachen in die Wohnung gebracht habe, entschied ich mich die Ecken meines Viertels zu erkunden, die ich noch nicht erschlossen habe. Ich wohne in fucking Recoleta, vor vielen Häusern steht Security (wobei das oft einfach Mestizen in Jogginghose sind; also genauso aussehen wie die Leute, die einen auf der Straße anmachen, aber was solls) und eigentlich sollte man sich nicht zu große Gedanken um die eigene Sicherheit machen. Wenn ich meine abgewrackte Jeans trage, gehöre ich zu den eher schlechter gekleideten Leuten im Viertel, wenn man mal von den Händlern und der Security absieht. Heute habe ich aber meinen Sachen wieder in die Wäscherei gebracht, also habe ich eine kurze beige Hose von H&M und mein braungestreiftes Hemd von H&M angehabt. Die gleiche Hose hab ich auch letztes Mal getragen, als in angegriffen wurde, also vielleicht liegt es an der Hose. Man sieht einfach nicht sehr porteño-haft aus, wenn man so eine Hose trägt. Nicht, dass mein Outfit megaschick wäre (max 40 Euro), aber Argentinier laufen so einfach nicht rum.
Naja, wie auch immer, auf jedenfall lief ich in einer super Gegend rum, schöne Parks, viele Menschen, wirklich einer der schönsten Orte in der Stadt. Allerdings hatte das Museum zu (Montag!) und es ist ein riesen Gebäude, also war auf ca. 200 Metern auf der einen Straßenseite kein Mensch. Ich war schon skeptisch in dem Moment, aber ich dachte, dass man so viel Pech in einer Woche ja nicht haben kann, ich werde schon nicht angegriffen werden. Also habe ich schön meinen Fotoapparat rausgeholt und ein bisschen geknipst. Ich ging ein Stück weiter und in etwa 20 Meter Entfernung erschien auf einmal ein Jugendlicher (etwa 1-2 Jahre jünger als ich) mit River Plate Trikot (der andere Kerl hatte auch ein River Trikot, langsam geht’s mir auf den Sack), der sich an seinen Bauch packte. Der Junge gehörte einfach nicht in die Gegend, das sah man sofort, also war ich skeptisch. Ich dachte erst er hätte einen Tumor oder sowas und möchte jetzt Geld erbetteln und wenn er nichts bekommt dann macht er mich halt weiter an. Haha, von wegen, eine Sekunde später wurde es mir auch klar, das sollte eine Pistole sein. Ich hätte weglaufen können, aber ich dachte, vielleicht wird’s auch einfach nicht so schlimm werden. Weit gefehlt, Benny. Che, Chico! Tienes dinero para comida? - No tengo nada, chico. Vete, chico. Er packt mich natürlich wieder, ich schreie Ayudame! - und versuche wegzulaufen. Er greift meine Tasche und guckt auf meine Hosentasche. In meiner Hand hatte ich den Fotoapparat. Ok, scheiß Situation, was jetzt? Der Junge zeigt auf sein Pistolengeschwür und ich schreie weiter. Ich verstehe Junge, du hast da nix, also versuche ich loszulaufen, der junge hat aber meine Tasche fest im Griff. Ich würde ihm die Tasche aber niemals geben, weil ich ausnahmsweise mit meinem Netbook unterwegs war und ausnahmsweise auch ein bisschen mehr Geld dabei hatte. Es kam mir also quer. Ich schrie weiter und dann rastet der Kerl aus. Er schlägt mit seiner rechten auf mein linkes Ohr, meine Brille fliegt weg. Wir stehen uns gegenüber und er läuft weg. Ich nehme meine Brille auf und laufe auch weg. Ich setze mich auf eine Bank im Park, esse einen Granolariegel und bin wirklich angepisst.
In Deutschland werde ich nicht jede Woche auf der Straße attackiert und ich kann euch sagen, dass ist echt ganz geil. Südamerika ist toll, aber die ganze Scheiße auf der Straße geht mir echt auf den Sack. Und dabei sagt man Buenos Aires ist safe, hallo? Was erwartet mich dann erst in La Paz oder Lima? Das Ganze ist nicht gut für die Psyche. Ich sitze gerade in einem Cafe in Palermo und checke semiparanoid meine Umgebung ab, weil ich Angst habe, dass mir mein Netbook abgezogen wird. Netbooks klauen ist hier nämlich so eine Art Volkssport, weil elektronische Waren hier irre teuer sind. Wie wird einem hier der Netbook geklaut? Ganz einfach, ein Kerl sitzt im Cafe und sieht wie man an seinem schicken Gerät rumtippselt. Wenn man den Laden verlässt ruft er einen Kollegen an, der irgendwo an der Ecke steht und einen dann irgendeine Waffe unter die Nase hält. Darauf habe ich keinen Bock darum wechsele ich viel die Straßenseiten und versuche da zu sein wo viele Leute sind, wenn ich ein Cafe verlasse.
Und dennoch, Buenos Aires ist eine tolle Stadt. Ich arbeite mich gerade durch die besten Pizzaläden der Stadt und es ist großartig. Heute war ich bei Kentucky Pizza in Palermo, gestern bei La Continental in San Telmo. Beide großartig, sowas findet man nicht in Deutschland. Ich treffe mich jetzt mit Freunden in der Parkanlage von Palermo, hoffen wir das beste.